Presse

Renaissance altbewährter Exoten


Samstag, 31. Dezember 2016





Florian und Thomas Wiedmann waren anfangs nur auf der Suche nach einem schönen Haus rund um Rosenheim. Heute widmen sie sich der Pflege und Aufzucht seltener Haus- und Nutztierrassen sowie dem Ziehen von alten Nutzpflanzen auf dem Krapfengut in Innerwald bei Sachrang.

 

Aschau – Obwohl das Paar sich selbst als Quereinsteiger bezeichnet, können sie sich schon mit Lebensmitteln selbstversorgen. Beiden liegt zwar das Autarke am Herzen, umso mehr jedoch die Rückbesinnung auf das Gute, Bewährte, Qualität und Kulturerhalt. Dass sie nun auch noch gefährdete Haustierrassen halten und Gemüsesorten züchten, die viele heutzutage nicht einmal mehr beim Namen kennen, verleiht ihnen dann aber doch einen exotischen Status.

 

Dass sie sich dennoch ziemlich schnell Respekt verschafft haben, liegt an ihrem bodenständigen Auftreten. Florian Wiedmann plante ursprünglich, sich mit einem kleinen Gastronomie-Catering-Service mit saisonalen und regionalen Produkten auf dem Hof selbstständig zu machen, aber dann entschieden sich beide fürs Züchten alter Tierrassen sowie das Pflanzen und Kultivieren alter Gemüsesorten.

 

Sein selbst gebackener Marmorkuchen schmeckt köstlich – aber da wehrt er bescheiden ab: „Das liegt an den Enteneiern, da wird der Teig fluffiger.“ Das Steckenpferd von Thomas Wiedmann sind die alten Nutztierrassen, sein Mann Florian vertritt den gärtnerischen Bereich. Dennoch packen beide an ihrem persönlichen Projekt miteinander an.

 

Noch trägt sich der Hof nicht selbst und Thomas Wiedmann pendelt als Freiberufler beim Fernsehen zwischen Sachrang und Norddeutschland. Der Plan, sich auf seltene Haus- und Nutztierrassen zu konzentrieren, ist aufgegangen. Hinter dem malerisch gelegenen Bauernhof, der 1465 erstmals urkundlich erwähnt wurde, haben die beiden einen großen Freilauf samt Teich für ihre Sulmtaler Hühner, die Pommern- und Orpington Enten sowie die Bayerischen Landgänse geschaffen.

 

„Kaiserhendl“ aus robusten Hühnern

 

Die Sulmtaler Hühner, die vom steirischen Landhuhn abstammen und deren Bestand auf nur noch 3500 Tiere geschätzt wird, zeichnen sich durch Robustheit und Wetterbeständigkeit aus. Sie legen 150 Eier pro Jahr und ihr Fleisch ist wohlschmeckend, weshalb es bereits im 17. Jahrhundert an Kaiser- und Fürstenhöfen als das „Kaiserhendl“ bekannt war.

 

Die Enten und Gänse seien auch praktisch, die Gänse schrecken Raubvögel ab und die Enten halten Schnecken vom Gemüse fern, erzählt Florian Wiedmann weiter. Thomas Wiedmann liebkost derweil Luitpold, den Zuchtwidder der alten Kaninchenrasse Blaue Wiener. Sein blaugrau-glänzendes Fell schaut weich aus, am liebsten möchte man auch gleich das Tier streicheln.

 

Mit der Zeit ergaben sich für die beiden „Neuen“ auch weitere Weideflächen für die alten Nutztierrassen. Im Auto geht es über einen kleinen Feldweg zu einem umzäunten Feld kurz vor Sachrang. Hier halten die beiden ihre Alpinen Steinschafe, ebenfalls eine stark bedrohte Rasse, welche sich besonders durch ihre Anpassungsfähigkeit auszeichnen. Auf einer anderen steileren Fläche östlich vom Dorf grasen drei Pinzgauer Strahlenziegen.

 

Durch die Rassebereinigung und das Haltungsverbot im Dritten Reich galt diese Rasse, die auch im bayerischem Alpenraum verbreitet war, bereits als ausgestorben, aber in sehr entlegenen Tälern Österreichs konnten kleine Herden wieder entdeckt werden. 2014 belief sich weltweit der offizielle Bestand auf 65 Herdbuchtiere. „Jetzt sind unsere wieder die Ersten auf bayrischem Boden“, kann Thomas Wiedmann stolz berichten.

 

Bayern war einst Ziegenland. Ziegen sind geländegängiger als das konventionelle Großvieh, ihre Milch und ihr Fleisch sind nutzbar, und dadurch, dass sie alles Grüne und auch Unkräuter wie Brombeeren und Fichten fressen, helfen sie gegen die Verbuschung. Auch Schafe seien „Allesfresser“ im pflanzlichen Bereich. Und das nehme den Bauern Mäh- und Pflege-Arbeiten an den steilen Wiesenhängen ab. Zurück auf dem Hof gibt es noch mehr zu bestaunen: Der Kälte trotzen grüne Tomaten an der Südwand, „da habe ich schon ein leckeres Rezept für die Weiterverarbeitung bekommen“, freut sich Florian Wiedmann.

 

Weitere Tomatensorten, die längst nicht alle rot und rund sind, haben die beiden den Sommer über gezüchtet. Florian Wiedmann empfiehlt, die Samen oder Pflänzchen nicht einfach im Baumarkt, sondern von Initiativen wie der Arche Noah zu beziehen. Dort gebe es samenfeste Sorten, das heißt, man kann aus den eigenen Pflanzen jeweils selbst eine neue Saat gewinnen, denn Saaten und Sorten sind Kulturgut.

 

Auch der Gute Heinrich, ein Vorgänger des Spinats, oder das Löffelkraut, welches bereits zur Wikingerzeit wichtiger Vitaminlieferant im Winter war, wachsen einträchtig nebeneinander im Gemüsegarten. „Es gibt noch viel zu tun, aber da lassen wir uns treiben“, bekennen die beiden. Jedoch sei schon auch mehr Ehrgeiz und Idealismus als nur Liebhaberei mit im Spiel. Thomas Wiedmann erzählt, dass jede dritte der weltweit mehr als 6000 Nutztierrassen gefährdet sei und allwöchtentlich eine verloren gehe. Bei Schweinen könne man das gut beobachten, heimische Rassen stellen heute weniger als ein Prozent des Gesamtbestands in Deutschland.

 

Bis ins 19. Jahrhundert wurden Schweine nur auf der Weide gehalten und waren im Vergleich zu heutigen Hochleistungsrassen eher mager. Zu dieser Zeit war das Schwein für die Fleischversorgung am bäuerlichen Betrieb maßgeblich, während der Ochse als Zugtier eingesetzt wurde und das Rind der Milchversorgung diente. Die beiden wollen nicht den Zeigefinger heben, jedoch Aufklärungsarbeit betreiben.

 

Wollverarbeitung im Visier

 

„Die alten Nutztierrassen werden die Leistung der heutigen Hochleistungsrassen bestimmt nicht erfüllen, jedoch sollte man in einer Zeit der Überproduktion und des maßlosen Angebots zu jeder Zeit abwägen, ob die Verdrängung heimischen Kulturguts dadurch wirklich vertretbar ist,“ äußert sich Thomas Wiedmann.

 

Aber ein paar Wünsche haben sie noch hin zu mehr Autarkie. Die eigene Wollverarbeitung wollen sie voranbringen. Und Schweine züchten, sofern sich noch Fläche ergibt. Die beiden verraten, dass es da eine Rasse gebe, die seit mehr als 70 Jahren als ausgestorben gelte, die sogenannte „Oberbayerische Halbrote“, vorne hell und hinten rot, die wollen sie haben: „Vielleicht gibt es sie ja noch irgendwo…“

 

Quelle: Elisabeth Kirchner, OVB vom 31.12.2016

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